[Crop-Faktor]: Warum muss ich Brennweiten umrechnen?

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Raja Reiselust fotografiert - Folge 5

[Crop-Faktor]: Warum muss ich Brennweiten umrechnen?

In der heutigen Folge von Raja fotografiert! geht es um den Crop-Faktor und darum, was dieser mit der Brennweite von Objektiven und dem Bildwinkel aufgenommener Bilder zu tun hat. Der Fokus dabei liegt auf dem APS-C Format und dem Vollformat.

Kleinbildformat

Raja: Waaah, ich brauche deine Hilfe!

Michael: Hallo Raja, wo brennt’s denn?

Raja: Ich wollte mir ein neues Objektiv zulegen. Aber das mit der Brennweite und diesem komischen Crop Faktor macht mich fertig. Kannst du mir das mal so erklären, dass auch ich das verstehe? EF, EF-S, KB, Crop – das ist alles reines Chinenisch für mich!

 

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Michael: Na klar, mach ich gern. Ok, wo fangen wir an?!

*grübelt*

Ok, ich weiß. Hast du schon mal etwas vom Kleinbildformat gehört?

Raja: Ehrliche Antwort? Nö.

Michael: Stell dir eine Zeit vor, in der es noch keine Digitalkameras gab. Da wurden noch echte Filme im ursprünglichen Wortsinn gebraucht, um einzelne oder bewegte Bilder aufzunehmen.

Raja: Wie antiquiert?!

Michael: Ähm ja. Wobei – solange ist das noch gar nicht her. Ich selbst hab mal so angefangen zu fotografieren. Mit Filmen, die maximal 36 Bilder zuließen und dann erst einmal entwickelt werden mussten. Schon lustig aus heutiger Sicht.

Raja: Uh, so alt bist du schon?

Michael: Ha ha. Frechheit! *lacht*

Aber wo war ich.. Ach ja, auf jeden Fall gab es in diesen analogen Zeiten ein Format, das sich quasi als Standard für Filme durchgesetzt hat – das Kleinbildformat. Das beinhaltete eine Bildgröße von 24 x 36 mm. Diese Filme nannte man übrigens auch 35 mm Filme.

Raja: Hö? Was denn nun – 35 mm oder 36 mm?

Michael: Beides! Das Bildformat war 24 mm hoch und 36 mm breit. Zu den 24 mm kam dann aber noch ein Rand hinzu, so dass der Film schließlich eine Höhe von 35 mm hatte und daher oft als 35 mm Film bezeichnet wurde.

crop-faktor-35-mm-film

 

Raja: Verstehe. Aber was hat dann nun mit den heutigen Objektiven zu tun?

Michael: Nun, wie deine von dir aufgenommenen Motive auf dem Bild abgebildet werden, hängt nicht nur von der Brennweite allein ab, sondern auch von der Größe des Sensors deiner Kamera. Im Spiegelreflexsegment bei Canon unterscheidet man zwischen dem Vollformatsensor und den kleineren APS-C Sensoren, wobei die Größe des Vollformatsensor in etwa dem Kleinbildformat von damals entspricht. Deine Canon EOS 760D dagegen hat einen APS-C Sensor, also einen kleineren Sensor.

Bildwinkel

Michael: Wenn du jetzt ein Objektiv mit einer bestimmten Brennweite hast und damit ein Bild mit deiner Canon EOS 760D aufnimmst, dann wirst du ein anderes Bild erhalten, als wenn du das gleiche Objektiv an einer Vollformatkamera nutzen würdest.

Raja: Was meinst du mit “anderes Bild”?

Michael: Damit meine ich, dass das gleiche Motiv unterschiedlich groß sein wird, da der Bildwinkel im Falle des kleineren Sensors “enger” ist. Du hast subjektiv den Eindruck, als ob du das Bild mit einer anderen Brennweite aufgenommen hättest. Genau das ist auch der Grund, warum du immer wieder lesen wirst, dass ein Objektiv beim Vergleich zwischen Vollformatkamera und APS-C Kamera eine “andere Brennweite hat”. Genau genommen ist das aber falsch. Die Brennweite bleibt gleich, aber durch die unterschiedliche Größe des Sensors verändert sich der Bildwinkel.

bildwinkel-sensor-brennweite-vergleich

Raja: Das ist echt schwierig zu verstehen. Was genau bestimmt denn der Bildwinkel in meinem Bild?

Michael: Du weißt ja schon, dass es verschiedene Objektivarten gibt. Man spricht oft von Weitwinkelobjektiven, von Standardobjektiven oder Teleobjektiven. Sie alle haben verschiedene Brennweiten. Aber im Grunde geht es nur um eines – um den Bildwinkel. Mit einem Weitwinkelobjektiv möchtest du in der Regel ganz viel aufs Bild bekommen. Das kann eine weite Landschaft sein, ein großes Gebäude o. Ä. Du brauchst dazu einen großen Winkel. Im Gegensatz dazu möchtest du mit einem Teleobjektiv in der Regel nur einen kleinen Bildausschnitt auf dein Foto bannen. Das gelingt durch den kleinen Bildwinkel.

Raja: Okay, soweit ist das klar. Der Bildwinkel bestimmt den Bildausschnitt, richtig?

Michael: Richtig. Und genau diesen Bildwinkel steuerst du über zwei Größen: die verwendete Brennweite deines Objektivs und die Größe des Sensors in deiner Kamera.

Gleiches Objektiv an verschiedenen Sensoren

Michael: Lass uns erst einmal auf den Sensor eingehen. Im Grunde nehmen beide Sensorarten das exakt gleiche Bild auf, nur dass der Vollformatsensor durch seine Größe eben mehr vom Bild aufnehmen kann. Das aufgenommene Bild des kleineren Sensors ist also im Grunde eine Teilmenge des gleichen Bildes.

crop-faktor-veranschaulichung

Michael: Benutzt du das gleiche Objektiv an zwei Kameras mit verschiedenen Sensorgrößen, dann wirst du sehen, dass der Bildwinkel an der Kamera mit dem kleineren Sensor kleiner ist. Sprich, das Bild, das an der Vollformatkamera mit dem größeren Sensor wie eine Weitwinkelaufnahme wirkt, entpricht an der APS-C Kamera mit dem kleineren Sensor plötzlich nur noch einer “normalen” Aufnahme mit kleinerem Bildausschnitt. Der kleinere Bildausschnitt hat jedoch zur Folge, dass dein fotografiertes Motiv größer wirkt.

Raja: Ok, also kleinerer Sensor bedeutet bei gleicher Brennweite kleinerer Bildwinkel und dadurch größer aufgenommenes Motiv.

Verschiedene Brennweiten am gleichen Sensor

Michael: Genau. Und nun der andere Fall. Wenn du die Kamera gleich lässt, aber unterschiedliche Objektive bzw. Brennweiten nutzt, dann bestimmt die Brennweite direkt den Bildwinkel. Je größer die Brennweite, desto enger der Bildwinkel. Je kleiner die Brennweite, desto mehr bekommst du durch den größeren Bildwinkel aufs Bild.

Raja: Ok, das macht Sinn. So langsam ahne ich auch, wo meine Verwirrung herkommt. Die auf den Objektiven angegebene Brennweite kann sich an Vollformatkamera und APS-C Kamera völlig unterschiedlich auswirken, richtig?

Michael: Exakt. Genau hier wird es kompliziert. Wenn du gewohnt bist, mit einer APS-C Kamera zu fotografieren, dann ist für dich klar, dass du bei Brennweiten von 10-18 mm im Weitwinkel unterwegs bist, bei Brennweiten ab 85 mm dagegen ein Teleobjektiv in der Hand hast. Eine Normalbrennweite liegt für dich dann vielleicht bei 24-35 mm.

Jemand der eine Vollformatkamera nutzt, hat da jedoch ganz andere Winkel im Kopf. Der Weitwinkel liegt für ihn bei 16-28 mm, der Telebereich startet bei 135 mm und der Normalbereich liegt vielleicht bei 35 – 50 mm.

Und wenn die beiden Personen sich jetzt über Objektive unterhalten, wird es schwierig, weil beide zwar den gleichen Bildwinkel meinen, aber von unterschiedlichen Brennweiten sprechen. Hier hilft es, wenn man einen gemeinsamen Bezug findet, um Objektive beider Welten vergleichbar zu machen.

Raja: Und genau das ist das Kleinbildformat?

Michael hebt die Augenbraue und grinst.

Crop-Faktor (Formatfaktor)

Michael: Volltreffer! Der Fachausdruck dafür lautet Kleinbild (KB) äquivalente Brennweite. Diese wiederum lässt sich sehr einfach berechnen. Es gibt Objektive, die speziell für APS-C Kameras entwickelt wurden. Um deren nominale Brennweite in die KB äquivalente Brennweite umzurechnen, wird sie mit einem Faktor multipliziert. Diesen nennt man Crop Faktor (oder weniger gebräuchlich: Formatfaktor). Der Crop-Faktor entspricht dem Längenverhältnis der Diagonalen des (kleineren) Crop-Sensors im Vergleich zur Diagonalen des (größeren) Vollformatsensors.

Bei Canon beträgt dieser rund 1.6.

Bei Objektiven, die dagegen speziell für das Vollformat entwickelt wurden, braucht es keinen Faktor mehr, um die Brennweite an der Vollformatkamera in die KB äquivalente Brennweite umzurechnen. Erst, wenn du ein solches “Vollformat-Objektiv” an deine APS-C Kamera anschließt, braucht es wieder die Umrechnung über den Crop-Faktor. Auch in dieser Richtung wird jedoch multipliziert!

Zwei Beispiele dazu:

brennweite-aps-c-format-objektiv

Das Canon EF-S 10-22 USM Objektiv hat nominal eine Brennweite von 10-22 mm und ist nur für APS-C Kameras geeignet. Bezogen auf das KB Format ergibt sich eine KB äquivalente Brennweite von 16-35 mm. Das bedeutet, dass das aufgenommene Bild den gleichen Bildwinkel hat, also ähnlich aussieht, wie das Bild, das mit einem Vollformat-Objektiv mit 16-35 mm Brennweite und einer Vollformatkamera aufgenommen wird.

brennweite-vollformat-objektiv

Das Canon EF 70-300 L IS USM dagegen ist ein für das Vollformat konstruiertes Teleobjektiv, das sowohl an APS-C Kameras als auch Vollformatkameras betrieben werden kann. Die angegebene nominale Brennweite von 70-300 mm bezieht sich jedoch bereits auf das Vollformat. Schließt du dieses an deine APS-C Kamera an, dann machst du damit Bilder, die den gleichen Bildwinkel haben, als wenn du ein Teleobjektiv mit 112-480 mm bezogen auf das APS-C Format benutzen würdest. Es wirkt quasi, als hätte es eine noch größere Brennweite als auf dem Objektiv angegeben (“Brennweitenverlängerung”).

Raja: Kann ich jedes Objektiv immer an beiden Kameras verwenden?

Michael: Nein. Ein für APS-C hergestelltes Objektiv kann nicht am Vollformat betrieben werden. Denn dann würdest du ein Bild erhalten, dass in den Ecken entweder sogar schwarz ist, mindestens aber eine sehr starke Vignette hat. Umgekehrt kann man aber die meisten Vollformat-Objektive auch an einer APS-C Kamera betreiben. Diese sind ja sowieso für den großen Sensor gebaut. Wenn du durch den APS-C Sensor nun einfach nur einen kleineren Teil der Szene festhältst, ist das kein Problem.

objektive-an-verschiedenen-sensoren

Abkürzungen auf Objektiven

Raja: Und woher weiß ich nun, wann sich die angegebene Brennweite auf das APS-C Format und wann auf das Vollformat bezieht?

Michael: Dafür haben die Objektivhersteller in der Regel entsprechende Kürzel im Namen des Objektivs erfunden. Bei Canon erkennst du APS-C optimierte Objektive am “EF-S”. Mit “EF” bezeichnete Objektive beziehen sich dagegen auf das Vollformat. Bei Tamron sind bezeichnet “DI II” die APS-C Objektive. Bei mit “DI” gekennzeichneten Objektiven bezieht sich die Brennweite dagegen aufs Vollformat. Bei Sigma steht “DC” fürs APS-C Format und “DG” fürs Vollformat. Nikon arbeitet mit “FX” (Vollformat) und “DX” (APS-C).

HerstellerCropVollformat
CanonEF-SEF
NikonDXFX
SigmaDCDG
TamronDI IIDI
SonyDT / SELFE / SAL
PentaxDAD FA
TokinaDXFX

Raja: Sag mal, noch eine ganz dumme Frage.

Michael: Gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten!

Raja: Ok. Warum gibt es überhaupt unterschiedliche Sensoren? Wäre es ncht viel einfacher, es würde nur das Vollformat geben?

Michael: Das würde einiges an Verwirrung nehmen, nicht wahr? Das Ganze hat aber leider einen Haken. Das Fotografieren wäre dann verdammt teuer!

Raja: Wieso das?

Michael: Nun, neben allen technischen Vorteilen eines Vollformatsensors gibt es auch einen klaren Nachteil – er ist einfach deutlich teurer in der Herstellung als ein kleinerer Sensor, der sich einfach schneller und effizienter bauen lässt. Gleiches gilt auch für die Objektive. Objektive für kleinere Sensoren wie dem APS-C Sensor sind in der Regel kleiner, leichter und kompakter konstruierbar. Das spart u.a. Materialkosten, wodurch diese Objektive einfach viel günstiger sind.

Genau aus diesem Grund sind gerade in der Spiegelreflexfotografie APS-C Sensoren bei Einsteigern beliebt und verbreitet. Du kannst heute bereits deutlich unter 1.000 Euro eine echt gute Kamera plus Objektiv bekommen. Bei einer Vollformatkamera bist du da in der Regel sehr schnell im mittleren, vierstelligen Bereich.

Raja: Oha, das wäre nicht gut für meine Urlaubskasse!

Michael: Stimmt. Und neben dem Preis liegt der Vorteil wie gesagt auch beim Gewicht.

Raja: Verstehe. Dann rechne ich doch lieber mit dem Crop Faktor um und bleib bei APS-C. So schwer ist das ja dann doch gar nicht.

Michael: Stimmt und gerade als Reiseblogger ist ja Gewicht durchaus ein Faktor. Weißt du, welche Fotografen noch gern APS-C Kameras verwenden? Tier und Sportfotografen! Denn der “Vergrößerungseffekt” spielt ihnen bei entsprechenden Portraitaufnahmen natürlich voll in die Karten. Statt sich nämlich ein viel teureres Vollformat-Objektiv mit größerer Brennweite zu kaufen, nutzen sie einfach das Vollformatobjektiv mit geringerer Brennweite an einem kleineren Crop Sensor, um das Motiv genauso groß abzulichten, als wie es durch die größere Brennweite des teureren Objektives am Vollformat möglich wäre.

Raja: Clever!

Michael: Gell?! Ok, hast du noch mehr Fragen zu dem Thema? Alles verstanden?

Raja: Na logisch. Keine Fragen mehr offen. Du darfst aber gern trotzdem nochmal für mich zusammenfassen. *zwinkert*

Michael: Mach ich gern. Also, es gibt kleine (APS-C) und große Sensoren (Vollformat). Zusammen mit der Brennweite bestimmt die Sensorgröße den Bildwinkel deiner aufgenommenen Szene. Je kleiner der Sensor, desto enger der Bildwinkel bei gleicher Brennweite. Bei gleicher Sensorgröße gilt, je kleiner die Brennweite, desto größer der Bildwinkel. Um Brennweiten zwischen beiden Sensorarten umrechnen zu können und sie so vergleichbar zu machen, gibt es den Crop-Faktor. Dieser entspricht dem Längenverhältnis der Diagonalen der beiden Sensorgrößen. Bei Canon beträgt der Crop-Faktor 1.6. Mit diesem multiplizierst du die Brennweite eines Objektivs, wenn du zwischen beiden Sensorgrößen umrechnen möchtest. Dabei musst du drauf achten, ob sich die angegebene Brennweite deines Objektivs bereits auf das Vollformat bezieht oder auf das APS-C Format.

Raja: Ist notiert!

Michael: Klasse, na dann viel Spaß beim Objektiv-Kauf.

Raja: Danke, werde ich haben.

 

Zusammenfassung

 

Raja notiert …

 

  • Meine Canon 760D hat einen APS-C (Crop) Sensor.
  • Der Crop-Faktor beträgt 1.6.
  • Objektive für APS-C Kameras kann man nicht am Vollformat verwenden, umgekehrt geht in der Regel.
  • Der Bildwinkel einer Aufnahme bestimmt den Bildausschnitt und ist abhängig von verwendeter Brennweite und Sensorgröße.
  • Je kleiner der Sensor bzw. je größer die Brennweite, desto kleiner der Bildwinkel.
  • APS-C Kameras und Objektive sind preiswerter und leichter als Vollformat Equipment.
  • Brennweiten bezogen auf APS-C muss ich mit 1.6 multiplizieren, um die KB äquivalente Brennweite (Vollformat) auszurechnen
  • Verwende ich ein Vollformat Objektiv an meiner APS-C Kamera, muss ich ebenfalls mit dem Crop Faktor multiplizieren, um die Brennweite umzurechnen.

 

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2 Kommentare auf "[Crop-Faktor]: Warum muss ich Brennweiten umrechnen?"

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Horst
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Servus Michael!

Ich mag deine (fiktive? :) ) Raja, die Fragen stellt, die so mancher nicht stellen mag, weil er Angst hat, für einen blutigen Anfänger gehalten zu werden.

Die Erklärungen erscheinen zwar Profis etwas langatmig, aber die müssen sie ja nicht lesen. Deine Zielgruppe – Einsteiger – werden damit aber bestens bedient. Lockere Schreibweise, sehr gut Erklärungen! Top!

Have fun
Horst

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